Die Künstlerin Erzsebet Nagy SAAR


Selbst

Da wälzt sich ein Körper in Farben, wird zum Malgrund, zum Kunstobjekt, zum Ausdrucksmittel, zum Objekt der forcierten Betrachtung. Das ist nicht neu, das haben jene Wilden der Pariser Kunstszene, die keine späten ‚Jungen Wilden’ waren, in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch schon gemacht.

 

Niki de Saint Phalle die Farbpatronen auf Assemblagen schoss oder Yves Klein zum Beispiel. Er färbte Mädchen in Blau, benutzte sie als Druckstock für eine Form von Körpergrafik in der sich die Gefärbten auf der Leinwand wälzten und zwar nach den Anweisungen des Maler-Regisseurs wälzten. Sie hinterließen einen reduzierten Abdruck, der ein unkörperliches Abbild ihres Körpers wiedergibt, nicht unähnlich den Brand- und Rauchbildern, die auch Yves Klein der Kunstgeschichte hinterlies.Anders die Aktion der Erzsebet Nagy. Da gibt es keinen Regisseur der Farbe und Form kontrolliert, das macht die Künstlerin oder Aktionistin - ganz wie man es sehen will –selbst. Selbstkontrolle.

 

Die Farbe der Frauen. Frauen malen an sich selbst zur Genüge und erlauben damit das Wirtschaftswachstum der multinationalen Kosmetikkonzerne. Frauen wissen um die Angeborenen Auslösemechanismen (AAM) die die Humanethologische Forschung an Korallenfischen und dem Menschen entschlüsselte. Das Blau des Lidschattens, das Schwarz von Mascara, das Rot des Lippenstifts, die Glittereffekte des Make-ups, das alles sind nicht nur harmlose Beautyspielereien und Kosmetikpflichten, sondern die Verknüpfung von Schlüsselreizen mit der zugehörigen Verhaltensweise, die von vornherein im Organismus vorhanden ist.


Es sind sexuelle Aufforderungen,aber auch Abwehrmechanismen und letztlich auch Kriegsbemalungen. Wann immer Haut als Malgrund verwendet wird, bewirkt dies an-deres im Beschauer, als die Verwendung der Farbe auf ‚totem’ Malgrund. Was lösen nun die Körper-Farb-Aktionen im Betrachter aus? Zuerst einmal Widerstand. Farbe ist auch Beschmutzung des Körpers, anders als die kosmetischen Farben oder Schmuckfarben, die der Konvention entsprechen.

 

Selbst wenn sie so extrem ist wie die Hennamalereien der Berberfrauen oder die Maskenschminke der Tragöden. Farbe ist auch Aggression gegenüber dem Beschauer, eben: Kriegsbemalung. Der Mensch hat einen Reinigungszwang. Nur in Bereichen der Verelendung, der Slums, des Krieges, der Katastrophen toleriert der Mensch Verschmutzung.

 

Und in der antiken Verzweiflung, wenn er sein Gesicht mit Asche beschmutzt. Oder in der Malaktion. Wenn Nagy die klaren Farben – ausschließlich Rot, Gelb, Blau – über sich gießt, sie auf dem Körper vermischt, so ist dies ein Akt der Überwindung des Wider-stands gegen Beschmutzung, es ist ein Akt der Selbstüberwindung.

 

Die Farbigkeit der Malaktion drängt diesen Widerstand in eine Fluchtemotion ab, sublimiert diesen Vorgang so, dass die Farben als Schmuckfarben wahrgenommen werden. Aber dieser Widerstand kann weder im Aktionisten selbst, noch im Beschauer neutralisieret werden, er kann den Betrachter nur zur Unentschiedenheit verunsichern.

 

Die Malaktion der Erzsebet Nagy SAAR ist auch etwas anderes als die Mal- und Material-Aktionen der Aktionisten, deren Manifestationen - ob mit Farbe, mit Blut oder Sekretionen - unsublimierte, aggressive und faschistoide Atavismen enthalten.

 

Nagys Körper-Mal-Aktionen machen niemanden zum Objekt eines aggressiven Umgangs mit der Farbe, aber sind auch keine Selbstbeschädigungen, wie es Tätowierungen sind. Ihre Arbeiten sind von sehr begrenzter zeitlicher Dauer und Dauerhaftigkeit und bleiben nur in Foto-Sequenzen erhalten. Sie haben keinen rituellen Charakter und sind nicht Zeichen von Stammeszugehörigkeiten wie die Tatoos bei Rocker-banden. Und sie sind niemals Schmückungen der voyeuristischen Art, wie das mit Luftpinselmalerei ausgeführte bodypainting der Partyschickeria.

 

Ihre Performances sind ganz individuelle Gestaltungsvorgänge der Künstlerin an sich selbst, vonsich selbst bestimmt: Selbstbestimmung.Eine Malaktion das voyeuristische Interesse der Schauenden aus. Unter der Farbe verbirgt sich Nacktheit. Diese zu entdecken ist ein erotischer Reiz der die Geschichte der Kunst durchzieht. Es ist diese Demar-kationslinie zwischen ‚naked’ und ‚nude’, zwischen Nackt und Akt. Und das wird in an sich durchaus exhibitionistischer – also sich ausstellender Art - präsentiert und verwirklicht. Beginn und Ende, Umfang und Dauer, Farbe und Geste werden von der Künstlerin selbst verwirklicht: Selbstverwirklichung.

 

Nagys Performances sie sind wie andere Kunstwerke, nicht im Prozess, sondern nur im Ergebnis - in diesem Fall in der Übersetzung in die Fotografie - für die Öffentlichkeit bestimmt. Die Malaktion selbst ist nicht öffentlich, nicht wirklich Performance, Schaustellerei als Schauvergnügen für Publikum gemacht. Ein Auditorium würde die Künstlerin bei der Performance nicht behindern oder stören, dazu hat sie den professionellen Zugang des ehemaligen Fotomodells, aber sie wird nicht für Zuschauer gemacht. Es ist eine Form der gestischen Malerei die sich in sehr verwandter Form in Bildern der Künstlerin wieder findet. Aber auch das direkte Ergebnis – der Abdruck der auf den Körper aufgetragenen Farben auf der Leinwand – das Relikt der Aktion, ist Werk. Von ästhetischer Qualität und farblichem Reiz. Für Nagy ist dieser Teil des malerischen Werks aber mehr eine Spielart der dekorative Abstraktion. Sie gliedern sich perfekt ins interior-design ein.